ArchitekTOUREN

the times they are a changing- Umbauten von Kirchen (2000-2010)

Selten ein Bautypus an dem die Schichten unserer Kultur (und Kunst) besser ablesbar sind als an unseren Kirchen. So manch eine hat schon den einen oder anderen architektonischen "Richtungswechsel" erlebt. Sanierungen, Renovierungen und nicht zuletzt die Erneuerungen infolge des zweiten Vatikanischen Konzils bringen bei vielen bestehenden Bauten auch heute den Bedarf und die Chance einer Neugestaltung. Ob Kompletterneuerung oder kleine feine Altarraumgestaltung: Kunst und Architektur gehen dabei Hand in Hand, bieten zeitgemäße Räume des Feierns, werfen aktuelle Fragen des Glaubens und der Kultur auf, zeigen neue Formen der langen, gewissermaßen programmatischen, Verbindung von Kunst und Kirche. Denn wie heißt es: die Seele kennt nur Erfahrung und Bilder.

Auswahl, Text: Veronika Müller

Übersichtskarte ausblenden
7 Bauwerke gefunden:
01

St. Konrad, Linz

Johann Sebastian Bach Straße 27, 4020 Linz, A
PlanerIn: Gottfried Nobl, Othmar Kainz Gottfried Nobl, Othmar Kainz
Neugestaltung Altarraum: Maria Moser, Vinzenz Dreher

Schlichtheit und Expressivität, beides findet sich in dieser 1961 geweihten Kirche. Eigentlich über einem Rechteck errichtet lebt der Bau von der dramaturgischen Diagonale die im Zugang, in der Orientierung des Kirchenraumes, wie auch in der Steigung des Daches ihren Ausdruck findet. Im Innenraum findet diese Bewegung mittels Überhöhung, Wandbild und Lichtakzent ihren dramatischen Höhepunkt im Altarbereich. Die Neugestaltung von 2006 rückt nun den Altar beinahe unauffällig aus diesem Focus und stärker ins Zentrum der Gemeinde. Die Rundung des bestehenden Altarpodestes wird fortgesetzt, eine Plattform aus Stahl schafft Raum für die Feier. Die neue Möblierung aber setzt die Dramatik fort; Ambo, Taubecken und Altar aus halbtransparenten Glaskörpern stehen wie Andeutungen im Raum.

© Pfarre St. Konrad
02

Pfarrzentrum Marcel Callo, Kleinmünchen, Linz

Schörgenhubstraße 39, 4020 Linz, A
PlanerIn: ArchitektInnen Schremmer-Jell Umbau: Bernhard Schremmer, Helga Schremmer, Siegfried Jell

Geschlossen, verfallen und zuletzt doch noch zum Segen aller gerettet. So ungefähr könnte die neuere Geschichte der Linzer Tuchfabrik Himmelreich & Zwicker umrissen werden. Denn mit der Umgestaltung zu einem Seelsorgezentrum wurde nicht nur ein (bau)kultureller Zeitzeuge erhalten. Das Stadterweiterungsprojekt Auwiesen hat auch ein Zentrum bekommen, das in einem dichten Wohngebiet Freiräume, Lebensqualität und eine Identität schafft.
Die Kirche selber verzichtet weitgehend auf typische Symbole und gibt dem Bestand lediglich einen neuen Inhalt. Der Kirchenraum ist dementsprechend neutral und enthält sich fast jeder Dramaturgie. Nur ein alle Geschosse durchdringende Lichtschacht betont das Zentrum.
Dass sich der gesamte Bau zu seiner industriellen Vergangenheit bekennt ist allerorts ablesbar, besonders jedoch in der Taufkapelle. Untergebracht im ehemaligen Turbinenraum des zur Fabrik gehörigen Kraftwerkes speist der nahe Bach nicht mehr die Turbinen, sondern das Taufbecken, und ist damit wieder Quelle der Kraft.

© Gerlinde Miesenböck
03

Pfarrkirche unbefleckte Empfängnis Mariä, Steyrling

Steyerling 142, 4571 Steyrling, A
Neugestaltung Altarraum: Michael und Viviana Grugl

Als erste Kirche der Diözese OÖ im Stil des Historismus errichtet konnte man diese kleine Kirche schon seit den 70er Jahren dank der abstrakte Glasfenster von Lydia Rappolt im neuen Licht sehen. Nun wurde sie erneut umgestaltet, diesmal betont sachlich. Freigeräumt von Dekoration und Mystifizierung ist der Altarraum jetzt weniger Bühnenbild als vielmehr Raum der Handlung. Eine "Ernüchterung" die Schranken abbaut und gewissermaßen demokratisierend wirkt.

© Dietmar Tollerian
04

Pfarrkirche Hl. Josef, Ebensee

Marktgasse 15, 4280 Ebensee am Traunsee, A
Neugestaltung Altarraum: Herbert Friedl

"Eingebettet in den Raum und die Feiergemeinschaft"

Umgedacht und umgedreht wurde das Raumkonzept dieser 1729 vom Linzer Barockbaumeister Johann Michael Pruner geplanten Kirche. Und das in einer so ruhigen Geste, dass man meinen möchte, dieser Raum wollte nie etwas anderes als ein Zentralraum sein. Denn eigentlich ist baulich nicht viel passiert, der Volksaltar wurde auf ein schlichtes Podest ins Zentrum der Kirche verlagert, die Nebenaltäre neben den Hauptaltar gestellt und die Seitenbänke zur Mitte gedreht. Und doch bewirkt diese Kombination von historischer Substanz und zeitgemäßer Liturgie eine besondere Zentrierung des Ortes.
Von der Ausstattung besonders erwähnt sei hier das neue Vortragkreuz aus Holzbalken einer Baracke des ehemaligen KZ-Mauthausen erwähnt werden. Ein Hinweis und ein Bekenntnis, dass im Nebenlager Ebensee während der NS Zeit 8200 Menschen ihr Leben lassen mussten.

© Nik Fleischmann
05

St. Franziskus, Braunau

Sebastianistraße 20, 5280 Braunau, A
Eberhard Jodlbauer / Neugestaltung: Katharina Struber, Ursula Witzany

"Kind der Neustadt"

Markant und doch unscheinbar im Detail, wie so viele Wohnsiedlungen der 70 Jahre, präsentiert sich auch der Braunauer Stadtteil Neustadt. Unscheinbar und doch im Detail markant wiederum die dazugehörige Kirche. Auf den ersten Blick nicht als Sakralbau erkennbar, entfaltet der Bau im Inneren den eigenen Charme eines speziell für dieses Projekt entwickelten Stahlbeton-Baukastensystems. Die Neugestaltung nimmt die industriellen Formen auf, spielt mit den systemimmanenten Details, und setzt in die Nüchternheit dieses Multifunktionsraums neue kulturelle Bezüge ebenso wie sakrale Akzente.

© Ulrich Kehrer
06

Pfarrkirche Hl Stephanus, Hartkirchen

Pfarrgasse 1, 4081 Hartkirchen, A
Altarraumgestaltung: Josef Ullmann

"ein Blick in den Himmel"

Das Kunst und Glauben die Grenzen unserer Alltagswelt erweitern darf man auf ganz besondere Weise in Hartkirchen erleben. Erlauben doch die spätbarocken Scheinmalereien einen Blick in den Himmel. Inmitten dieses üppig-eindrucksvolles Gesamtkunstwerks, fügt der neue Altarraum einen eigenen Mikrokosmos ein und gibt Platz für eine zeitgemäße Liturgie. Eine neue Einheit in der Podest und Mobiliar von großer Schlichtheit und doch mittels symbolhafter Gestaltung zu einem neuen Ganzen kombiniert sind, und dadurch sozusagen eine zweite Sichtweise des Himmelreiches bieten, in der das Reich Gottes nicht von der Ferne auf die Gläubigen herabsieht, sondern schon jetzt in ihrer Mitte ist.

© Ulrich Kehrer
07

Pfarrkirche Hl. Apostel Andreas, Mitterkirchen

Mitterkirchen 8, 4343 Mitterkirchen, A
Altarraumgestaltung: Leo Zogmayer, Thomas N Pauli

"die Fülle der Stille"

Mit diesem Kirchenraum scheint es wie mit dem Fasten zu sein. Erst mit der dem Weglassen kommt die Chance die Vielfalt des Schmeckens wieder zu entdecken. Reduziert auf die Grundstruktur, zurückhalten in Farbe und Material zeigt sich die Fülle an Details erst dem der durch das Bleiben zum Sehen kommt. Ein besonderes Erlebnis: die bogenförmige Anordnung der Bestuhlung, die sich auf das Zentrum orientierend die bestehenden Strukturen durchdringt und ohne Mittelgang auskommend den Raum zum Versammlungsort macht.

© Leo Zogmayer