ArchitekTOUREN

LINZ - Hässliche Entlein - Architektur der 60er und 70er Jahre in Linz

Linz ist einzigartig – und nicht nur weil dieses Jahr Kulturhauptstadtjahr ist. Die Stadt besitzt etwas, das es in dieser Dichte, Qualität und Zentrumsnähe in Österreich kein zweites Mal gibt: Absolut moderne Bauwerke der 60er und 70er Jahre! Als vorläufiger Höhepunkt einer Bewusstseinskampagne werden 16 exemplarisch ausgewählte "Hässliche Entlein" präsentiert: Es geht darum, die Wahrnehmung für diese dynamische und Linz städtebaulich so prägende Epoche zu verändern und den Umgang mit dieser in die Jahre gekommenen und doch so jungen Substanz grundlegend und kulturgeschichtlich zu diskutieren.

Idee, Konzept, Projektleitung: Lorenz Potocnik

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16 Bauwerke gefunden:
01

Bundespolizeidirektion Linz

Nietzschestraße 33, 4021 Linz, A
PlanerIn: Karl Rebhahn (1979-1982)

Grosses Areal, beinhaltet Verwaltung, Hauptquartier der Cobra-Spezialeinheit, Sportanlagen und Untersuchungsgefängnis. Stellt ein Ensemble aus 20 Jahren Bauzeit dar. Innenräume, Eingangssituation und Höfe entsprechen nicht mehr den heutigen Erwartungen an eine kommunikative und helfende Exekutive. Die gesamte Architektur (kühl, horizontale Bänder, Schlitze und Höhe) ist als Machtdemonstration zu verstehen. Wird gerade teilweise adaptiert.

© Gregor Graf
02

Lentia 2000

Blütenstraße 23, 4040 Linz, A
PlanerIn: Heinz Stögmüller (1973-1977)

Bis 59 Meter hohe Wohnhochhäuser auf massivem "Sockel". Für Linzer Verhältnisse sehr grosser Komplex mit Mischnutzung. Nach damaligem amerikanischem Modell. Eigentumswohnungen, Einkaufszentrum, Parkhaus und Büros. Stellte eine Utopie dar. Von 1979 bis 2003 Heimstätte für die Neue Galerie Linz (jetzt Lentos), Sammlung moderner Kunst (Arch. F. Goffitzer)

© Gregor Graf
03

Neues Rathaus

Hauptstraße 1-5, 4040 Linz, A
PlanerIn: Rupert Falkner (1977-1985)

Stellt in seiner Grösse und Bündelung zahlreicher Verwaltungen von Linz eine Megastruktur dar. Das Thema des begehbaren und öffentlichen Hügel mit Gärten wurde leider nicht konsequent zuende entwickelt bzw. gehandhabt. Geplant war ein zusätzliches Pendant auf der anderen Seite der Hauptstrasse (jetzt AEC) mit insgesamt bedenklicher Dialektik zu den 1943 entstandenen symetrischen Brückenkopfgebäuden. Der megalomanische Charakter des Bauwerkes stellt eine Herausforderung für die Stadt dar und ist insbesondere im Hinblick auf die Zeitgeschichte problematisch. Die Formensprache ist eigenwillig. Orientierung im Innenraum schwierig aber reizvoll.

© Gregor Graf
04

WIFI - Wirtschaftsförderungsinstitut

Wiener Straße 150, 4020 Linz, A
PlanerIn: Ernst Hiesmayr, Hans Eigner (1960-1966)

Stellt in dessen radikal funktionaler Ausprägung österreichische Architekturgeschichte dar. Symbolisiert industriellen Fortschritt. Architekten aus Wien über Wettbewerb zum Projekt gekommen. Riesiger Komplex, der nach wie vor wächst und sich verdichtet. Ursprünglicher Riegel übernimmt dabei bestens die Funktion eines Rückgrates. V.a. im Innern sehr gut gepflegt.

© Gregor Graf
05

Sparkasse Verwaltungsgebäude

Sparkassenplatz 2, 4040 Linz, A
PlanerIn: Wolfgang Radler (1977-1979)

Prägnanter Solitär mit für diese Zeit typischer Bauform für Verwaltungsbauten: zentraler Betonschacht mit draufgehängten Etagen. Erstaunlich viel freie Grünfläche drumherum. 2008 total saniert, ohne äussere Erscheinung wesentlich zu verändern (Sparkasse Logo wurde von weiss auf rot verändert!)

© Gregor Graf
06

Raiffeisenzentralkasse

Europaplatz 1a, 4020 Linz, A
PlanerIn: Gottfried Nobl, Erich Scheichl, Franz Treml (1972-1974)

Hohe architektonische Qualität, Anbauten weniger. Stellt in der Ausführung als Eckbau und Dominante am Südbahnhof ein Relikt städtbaulicher Ambitionen dar (Durchstich St. Barbara Friedhof / Bahntrasse um Verbindung zu Bulgariplatz zu schaffen - 1. Linzer Generalverkehrsplan 1957). Reizvoller Widerspruch von Form (körperhaft, Brutalismus) und Oberfläche (glattes Blech, bündig eingesetztes, spiegelndes Glas). Dunkelgrüne Farbgestaltung von Florian Schwarz in Anlehnung an die CI der Bank.

© Gregor Graf
07

Lenauhochhaus

Rilkestraße 20, 4020 Linz, A
PlanerIn: Otto Cseska, Anton Wiltschnigg (1956-1958)

Landmark in uneinheitlichem Stadtbild. Umgeben von Gewerbe und Lager, sind dort in den letzten Jahren grosse Entwicklungsgebiete entstanden, die nach wie vor unter schwacher Infrastruktur, Durchzugsverkehr, und Isolierung (durch die Bahntrasse) vom eigentlich so nahen Zentrum leiden. Das Lenauhochhaus steht in seiner negativen Rezeption für zahlreiche Wohnhochhäuser in Linz. Diese genügen nicht mehr den heutigen Ansprüchen an das Wohnen, der äusseren Erscheinung und insbesondere den Allgemeinflächen (Eingang, Gänge, Vorräume). Das Lenauhochhaus erfreut sich bei den Bewohnern aber trotzdem grosser Beliebheit.

© Gregor Graf
08

Oberösterreichische Versicherung

Gruberstraße 32, 4020 Linz, A
PlanerIn: Werkgruppe Linz (1970-1974)

Klassischer Solitär, der kofferartig über dem Boden schwebt. Unter dem aufgeständerten Bauwerk befindet sich - sehr elegant untergebracht - der Parkplatz (platzt allerdings aus allen Nähten). Durchblicke und natürliches Licht vermeiden zusätzlich die klassisch unangenehme Tiefgarage. Die Edelstahlfassade blinkt nach 35 Jahren immer noch ohne – wegen ihrer Gliederung und Struktur - abweisend zu wirken. Jean Prouve lässt grüssen... Nachträglich eingebaute öffenbare weisse Plastikfenster waren offensichtlich notwendig, schmerzen aber nicht nur das geschulte Auge! Definitiv eines der besten Linzer Bauwerke dieser Zeit.

© Gregor Graf
09

ARCOTEL, Nike-Hotel

Untere Donaulände 9, 4020 Linz, A
PlanerIn: Artur Perotti, Hans Greifeneder (1973)

Ziemlich fieser Kasten mit quadratischem Grundriss. Äusserst prominente Lage. Prägt städtische Silhouette. Zimmer bieten grossartigen Blick in alle Himmelsrichtungen. Siegesgöttin Nike von Samothrake (180 v. Chr.) und die Installation der Figur am Dach des Finanzgebäudes 1977 im Rahmen des Forum Metall (Abbau 1979) ist Namensgeberin des Hotels. Wohnbauten genau gegenüber am anderen Donauufer stammen vom selben Architekten!

© Gregor Graf
10

Imperial Büro- Und Geschäftshaus

Hafferlstraße 7, 4020 Linz, A
PlanerIn: Fritz Matzinger (1974-1982)

Einfaches und durchaus elegantes Volumen inmitten kleingliedriger, alter Substanz. Hier hat Linzer Pragmatik und Zurückhaltung höchstes Niveau. Dem entsprechend besitzt das Bauwerk eine Tarnfarbe. Das Imperialhaus ist geheimer Favorit der Sammlung Hässlicher Entlein. Fritz Matzinger hat übrigens die viel beachtete Siedlung "Les Paletuviers I" ("Die Wurzelbäume") in Leonding geplant, die 1975 durch ihre Gemeinschaftsräume ein neuartiges Modell des Zusammenlebens darstellte. Heute würde man dazu – im besten Sinne - Containerdorf sagen.

© Gregor Graf
11

BBRZ, Bildungs- und Rehabilitationszentrum

Grillparzerstraße 50, 4020 Linz, A
PlanerIn: Ludwig Schinko, Heribert Nowak (1979-1985)

Monster inmitten von Altbaustruktur. Grösse, Positionierung und Architektur machen das BBRZ-Gebäude zu einem vollkommenen Fremdkörper in diesem Viertel. Reizthema Fertigteile aus Waschbeton und kupferbedampfte Glascheiben lassen es zu einem typischen Vertreter dieser Zeit und ihrer Materialien werden. Unfreundliche Gestaltung stehen im Widerspruch zum sozialen Auftrag und dem öffentlichen Charakter der Institution. Eingangssituation scheint besonders bemerkenswert.

© Gregor Graf
12

Diözesanhaus, Bürobau

Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, A
PlanerIn: Gottfried Nobl, Erich Scheichl, Franz Treml (1977-1980)

Gute Einbindung in bebauten und natürlichen Umraum durch Terrassierung und Strukturierung. Klare Wegführung im Bauwerk, ausgeprägte Kommunikationsbereiche. Kürzlich erfolgte feine Sanierung und Adaptierung durch ursprünglichen Architekten F. Treml. Exemplarisch für den konsequenten Qualitätsanspruch, den die Oberösterreichische Kirche als Bauherrin seit den 50er Jahren erhebt. Wunderbare Farbwahl!

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13

Johannes-Kepler Universität

Altenbergerstraße 69, 4040 Linz, A
PlanerIn: Artur Perotti, Franz Treml, W. Schindler, H. Eisendle, J. Greifeneder, H. Komlanz, B. Haeckl, Erich Scheichl, R. Stelzer (1965-1975)

Universitätscampus am Stadtrand nach amerikanischem Modell. Zwei wesentliche Bauphasen. Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaftliche Fakultät bettet sich flach in die Topographie und nutzt die Stärken des Ortes. Die Hochbauten der Technisch-Naturwissenschaflichen Fakultät sind ähnlich dem WIFI technisch und funktional ausgebildet. Innenräume und Erschliessung klar und übersichtlich. Anbindung an Stadt ist mit zunehmend problematischem Individualverkehr nicht gelöst.

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14

Bruckner-Privatuniversität

Wildbergstraße 18, 4040 Linz, A
PlanerIn: Robert Hattinger (1968-1971)

Drei grosse Kuben bilden eine grosszügige Eingangsituation und Dialog zur Strasse bzw. der inhomogenen Nachbarschaft. Sehr "trocken" ausgeformte Architektur. Heller Kalkstein und monochromes, dunkles Blech unterstützen diese Zurückhaltung. Verchromte Skulptur von Helmuth Gsöllpointner stellt da ein verspieltes und blinkendes Element dar. Der absehbare Neubau / Umzug der Bruckner Universität zwingt zur Überlegung für dieses Haus.

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15

Landwirtschaftskammer

Auf der Gugl 3, 4021 Linz, A
PlanerIn: Reinhold Kroh (1973-1981)

Die Landwirtschaftskammer ist das am besten versteckte "Hässliche Entlein" von Linz. Im Park der ehemaligen Hatschek-Villa (Industrieller, Eternit) mäandert ein ziemlich langer Wurm, um am Kopf und vor dem Teich soetwas wie Symetrie herzustellen... und in skurriler Art und Weise an alte Schlosszeiten anzuknüpfen. Offenbar dienten die horizontalen Fassadenelemente früher der Bepflanzung, die leider verschwunden ist.
Die 13 ha grosse Parkanlage aus der Jugendstilzeit beherbergt heute unzählige verschiedene Pflanzen.

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16

Wohnverbauung Urfahr am Damm

Neue Dammstraße, 4040 Linz, A
PlanerIn: Artur Perotti (1964-1969)

Ensemble aufgefädelter Wohnblocks auf einem schmalen Band. 15 Objekte und 430 Wohnungen. An Urfahr und mit diesen - das Stadtbild so prägenden - Bauten zeigt Linz am stärksten seine junge Geschichte. Exemplarisch für zahlreiche und ähnliche, grosse Siedlungen (Bindermichl, Bulgariplatz, Froschberg ebenfalls von Arch. A. Perotti) die zwar als kühl empfunden werden, aber in diesem Fall dank der Beziehung zum Ufer und Fluss, guter Lage und grosser Freiräume als angemessen wirken und goldrichtig sitzen. Damm als Massnahme auf das Jahrhunderthochwasser 1954 mit Aushubmaterial des Römerbergtunnels.

© Gregor Graf