Nachruf auf Claudia Mazanek
Günther Prechter
Als Zaungast auf ein Arbeitsleben geblickt
Claudia Mazanek als eine Zentralfigur der österreichischen Architekturszene darzustellen, klingt zunächst völlig falsch. Dem Zaungast wäre vorzuwerfen, dass er einen ansonsten zu vernachlässigenden Aspekt von Architektur unzulässig ins Rampenlicht stelle. Es wäre, als würde man den Kabelbaum als zentrales Element eines Autos oder sein Nervensystem als Wichtigstes an einem Menschen ansehen. Der hier unternommene Versuch, Claudia Mazanek in die Mitte zu rücken, beginnt daher mit einem Perspektivenwechsel auf das, was Architektur "ist".
"Architektur", so hat sie selbst es formuliert, "ist der nachgebaute Gedanke im Fluss der Zeit."
Um dieser eigentümlichen Beschreibung folgen, sie auch in ihrer methodischen Dimension erfassen zu können, die Erfindung der Architekturgestalt zum "Nachbau" herabzustufen und den "Gedanken", zunächst zum Eigentlichen erhoben, sogleich in den "Fluss der Zeit" zu tauchen, um auch ihn, verschwimmend, nur mehr als unscharf Geisthaftes vorüberziehen zu lassen, muss zunächst erzählt werden, was Claudia Mazanek eigentlich tat. Ihr Beruf war, nach 14 Jahren Verlagsarbeit bei Löcker, seit 1994 der einer freien Lektorin und Herausgeberin. Was tut eine Lektorin? Sie nimmt in der Buch-, besser, der Textproduktion, und hier muss nochmals eingeschränkt werden, der Textproduktion der "alten Welt", die Texte druckte, um sie sowohl zu verbreiten als auch zu überliefern, die letzte Stelle vor der drucktechnischen Herstellung ein, das inhaltliche "Fertigmachen". Das konnten Fehlerkorrekturen sein, Quellenprüfung, das Ergänzen von Hinweisen, ein Register erstellen. Es konnte aber auch früher ansetzen, wo es um das Ermöglichen gedruckter Texte ging, so in ihrem letzten, unvollendet gebliebenen Projekt, der Mitherausgeberschaft der unveröffentlichten Schriften und der Briefe Josef Franks. Oder mittendrin ansetzen, wo es um essenzielle organisatorische Unterstützung von Autoren ging. Hermann Czech war einer von diesen, deren Schreiben sie über Jahrzehnte betreute, und sicherlich wäre mancher seiner richtungsweisenden Texte nicht erschienen, also lesbar geworden, ohne Claudia Mazaneks Insistieren. Dieses Ermöglichen durch hartnäckiges Verfolgen ist umso schwerer zu gewichten, je größer die Textprojekte waren. Die Herausgabe aller Texte Josef Franks wurde schon erwähnt, noch ein zweites monumentales sei hier stellvertretend genannt, die deutsche Ausgabe von Christopher Alexanders "A Pattern Language" mit Hermann Czech als Herausgeber. "Eine Mustersprache", zentrales Theoriewerk der architektonischen Postmoderne, wäre kein österreichisches Buch geworden ohne die Zusammenarbeit von Czech und Mazanek. Österreichs Nachkriegsarchitektur wiederum, vor allem, und hier knüpfe ich am Anfang an, Österreichs Nachkriegsarchitektur-als-Gedankengebäude, auf einem Fundament seiner ausgewanderten, vertriebenen, vergessenen Denker der ersten Jahrhunderthälfte, Adolf Loos, Josef Frank (Schweden, USA), Ernst Plischke (Australien), Rudolph Schindler und Richard Neutra (USA), auch Christopher Alexander (USA), wäre schwerlich die im Vergleich zu seiner bevölkerungsmäßigen, geografischen und politischen Größe überproportionale Bedeutung unter den Architekturnationen zugewachsen, ohne den gedanklichen, theoriegestützten und in Publikationen und Ausstellungen sichtbar gemachten Wiederaufbau durch Wiener Zirkel, wie der ÖGFA, denen Claudia Mazanek angehörte und zuarbeitete sowie den Architekturhäusern der Bundesländer, wie dem VAI, deren Texten sie ihre fortgesetzte Zuwendung widmete. Wer ihre Präsenz nachvollziehen möchte, suche ihre Spuren in unzählbaren Impressen der österreichischen Architekturpublikationen der letzten vier, fünf Jahrzehnte.
Dass es hier aber nicht um schiere Fülle als Produkt unermüdlicher Arbeit allein, sondern auch um ein inhaltliches Profil gehen muss, ahnt, wer von Claudia Mazaneks breiter Verwurzelung in Kunst, Musik und dem Einfordern weiblicher Gleichstellung erfährt. Letzteres 1979 in Gestalt der ersten Dissertation mit feministischem Blickwinkel an der Philosophiefakultät der Universität Wien sichtbar geworden, die sie zum Abschluss ihrer Studien, die neben Philosophie auch Politikwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften umfassten, vorgelegt hatte.
Wer Skeptiker wie Josef Frank, Hermann Czech, Friedrich Kurrent oder Christopher Alexander als geistiges Skelett einer österreichischen Architekturmoderne aufrichtet, bewegt sich, abseits der statements medial präsenter Großarchitekten, in einem mäandernden Seitenarm der internationalen Strömung namens Architekturmoderne. Dieser Nebenfluss umging die "deutsche Unbedingtheit", wie Friedrich Achleitner die Moderne-Ideologie des dominanten Nachbarlandes einmal abgrenzend gekennzeichnet hatte, durch ein Nebeneinander von historischer und moderner Form, von anonymen, von ländlichen mit städtischen Impulsen, der Legalisierung laiengestützter Nutzerbedürfnisse neben dem autoritär kanonisch Akademischen, der Wahrnehmung auch anderer ästhetischer Bedürfnisse als derer der Akademiker, der Arbeiter etwa, von Wertschätzung der Gestaltkraft des Handwerks neben der Industrie und ihrem Design. Und dieses Sowohl-als-Auch wurde nicht aus Schlendrian praktiziert, der dem Österreichischen von außen gern attestiert wird, sondern als Produkt eines weiteren Horizonts, aus historischer Erfahrung eines weit nach Osten ausgreifenden Europas der k u. k Monarchie, aus noch sachlicherer Sachlichkeit (Theodor W. Adorno in Wien 1963), aus einer stabilen Brücke in die angelsächsische Welt auch, die der fortgesetzte Austausch mit den emigrierten Geistesgrößen des Vorkriegsösterreich aufrechterhielt. Dieses "diachrone", den Bedeutungswandel im Zeitenlauf respektierende Nebeneinanderdenken hat Claudia Mazanek mitverkörpert, zutiefst verstanden, philosophisch interpretiert und in ihren umfassenden Gerechtigkeitsbegriff einbezogen. So konnte sie Texte ermöglichen, die sie als wichtig empfand, Texte im Lauf ihrer pfleglichen Bearbeitungen nachschärfen und präzise verankern, in Quellen referenzieren und in Registern auffächern und erschließen. Sie hat Pfade gelegt, die unter der Textoberfläche weiterführen und ein Geflecht von Beziehungen und Inspirationsquellen, einen von gedanklichen Wurzeln durchzogenen Boden bilden und als Myzel für die sichtbare Gestalt von Architektur aufzufassen sind.
Es ist als Glück zu betrachten, dass Claudia Mazaneks vorwiegend "unsichtbares" Wirken noch 2024 mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und 2025 einer Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Gesellschaft für Architektur gewürdigt worden ist, denn seither kann ihr Wirken auf der ÖGFA-Website detailliert nachvollzogen werden.
Sie selbst ist am 16. Mai 2026, erst 75-jährig, in ein anderes Sein hinübergegangen.
