Zum Abschied von Bruno Spagolla
Erich Steinmayr | Wolfgang Ritsch | Otto Kapfinger
Nachruf auf Bruno Spagolla
Erich Steinmayr
Nach Karl Sillaber; Jakob Albrecht und H.P. Jehly hat Vorarlberg in der jüngsten Vergangenheit einen weiteren, wesentlichen Baukünstler unserer Region verloren, nicht nur einen richtungsweisenden Architekten, sondern auch einen emotionalen Gestalter.
Brunos Projekte entstanden einerseits aus einer präzisen und umfassenden Analyse des räumlichen Programms, über die bloßen Vorgaben des Auftraggebers hinaus, andererseits – meist gewichtiger - aus dem Erlesen des Ortes und seines Milieus, assoziiert mit der Notwendigkeit des Weiterschreibens desselben - räumlich und sozial - mit dem Ziel neue Zusammenhänge und Identitäten zu schaffen.
Der vorgefundene Topos, war bei den Bauaufgaben Brunos häufig Landschaft, aber ebenso Kunstlandschaft, Stadtraum, Dorfszene und war stets Anlass zur Neuinterpretation und Umdeutung, für die Genese von veränderten, optimierten örtlichen Fügungen.
Nicht zu viel, nicht zu wenig, kein vordergründiger Formalismus, keine nicht belegbare Opulenz, aber auch kein trockener Minimalismus ohne semiotischen Inhalt, wenig kann häufig auch zu wenig sein. In den so generierten Situationen und Orten ist unmittelbar belebtes Milieu zu spüren, zuhanden für den menschlichen Gebrauch.
Bruno entwarf und konstruierte mit Selbstverständnis in der Architektursprache der aktuellen, gegenwärtigen Möglichkeiten. Es ist keine Berührungsangst zum vorgefundenen Bestand, zum historischen Raum und Detail spürbar, die weiterführenden Gedanken stehen jedoch im persönlichen Sprachkodex, dialogfähig, ergänzend, weiterführend aber unmissverständlich, mit dem Gespür, das räumliche und strukturelle Intervention zur einem dem soziokulturellen Hintergrund verpflichteten kulturellen Gegenstand und nur dadurch zu Baukunst werden lässt.
Erst mit dem letzten, präzis materialisierten Detail war die Genese des Entwurfes gesamthaft für die bauliche Umsetzung gereift und zu Ende gedacht - klar erkennbar als aktueller, baukultureller Beitrag der Gegenwart zum Dialog mit dem historischen Kontext.
Zum Abschied von Bruno Spagolla
Wolfgang Ritsch
Bruno, du bist gegangen, aber deine Präsenz im Hier und Jetzt ist deutlich sichtbar.
Wenn ich heute auf unsere gemeinsamen Arbeiten schaue – auf unsere Zeit in der Zentralvereinigung der Architekten, Landesverband Vorarlberg mit dir als unserem engagierten Präsidenten und mir als Schriftführer –, sehe ich zwei Persönlichkeiten, die sich leidenschaftlich gegenseitig forderten und motivierten.
Meine Gedanken zum Abschied orientieren sich am Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse.
„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will uns nicht fesseln und engen,
er will uns Stufe um Stufe heben, weiten.“
Dieses heitere Durchschreiten, Erkennen und gleichzeitige Entwerfen von Räumen war deine Lebensphilosophie – als Mensch wie als Baukünstler. Zusammen mit unseren Weggefährten der Gruppe 16 der Vorarlberger Baukünstler wie Hans Purin, Rudolf Wäger, Roland Gnaiger, Helmut Kuess und Weitere einte uns eine provokante Haltung gegenüber einer sehr konservativen Gesellschaft und das unbedingte Vertrauen in einen neuen, sozialen, ökologischen und baukünstlerischen Ausdruck des Bauens. Dein beständiges Engagement als Baukünstler war die Energie, die dich und uns Stufe um Stufe geleitet hat.
Diese klare Haltung war auch die Grundlage für unsere Zusammenarbeit. Wir verstanden unsere gemeinsame Arbeit als einen kritisch reflektierenden, dialogischen, fachlichen Diskurs – als eine Art lernendes Atelier. Jede Skizze, jede Idee wurde im kritischen Austausch hinterfragt, verworfen und neu gezeichnet.
Der offene, dialogische Diskurs war nicht nur auf unsere Gemeinschaftsprojekte beschränkt. Er bereicherte uns grundlegend auch bei unseren selbstständig entworfenen Projekten. Dieser wertschätzende Austausch ermöglichte eine wertvolle kritische Reflexion und eine entwerferische Klarheit. Genau hier könnte der Kern dessen liegen, was Otto Kapfinger in seinen feinen Essays über die Vorarlberger Bauschule beschrieben hat: Die Begründung einer architektonisch baukünstlerischen Sichtweise auf die großen Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Landschaft, Mensch, Materialität und Schönheit. Das Fundament der Vorarlberger Bauschule war von der Grundhaltung her ein dialogischer Austausch. Die Entwürfe entstanden in einer Art kollektivem Diskurs – im gemeinsamen Erkunden von Erkenntnissen und Haltungen. Was uns beide dabei einte, war unsere Fähigkeit, die Dinge nicht nur rational zu analysieren, sondern auch sinnlich zu sehen. Dieses hochsensible, gemeinsame Sehen erlaubte es uns, die unsichtbaren Qualitäten eines Ortes zu spüren und in Entwürfe umzusetzen. Wir konnten Baukunst als ein fein austariertes, tektonisches Gewebe der Beziehungen verstehen lernen.
In diesem gedanklichen Raum einte uns eine tiefe, gemeinsame Wertschätzung gegenüber den Pionieren Roland Rainer (Brunos akademischer Lehrer), Hans Purin und Rudolf Wäger. Von ihnen lernten wir die klare Haltung, die soziale Verantwortung und die Reduktion auf das Wesentliche.
Diese gemeinsame Haltung prägte auch den Entwurf und die Details für das Projekt Furtenbachhaus in Feldkirch. Es war ein architektonisch und handwerklich herausforderndes Projekt vor allem auch in den Diskussionen mit dem Denkmalschutz. Aus dem Verständnis des historischen Erbes konnten wir neue Raumkonzepte wie eine innerstädtische Passage – als lichtdurchfluteten, lebendigen Raum entwerfen.
Neben dem Engagement für unsere Projekte konnten wir als ZV der Architektinnen Landesverband Vorarlberg noch etwas Wichtiges erreichen: eine dauerhafte Institution für den baukulturellen Diskurs, das vai. Unvergessen bleibt die legendäre ZV-Klausur in der Propstei St. Gerold. Unter deiner Präsidentschaft bereiteten wir den Weg für das vai. Als Gründungsobmann durfte ich schließlich den Aufbau und die Weiterführung übernehmen.
Wenn wir heute deine Welt würdigen, dann würdigen wir eine Baukunst, die sich strukturell, sensibel, einfühlsam und charaktervoll als Ergebnis präziser, topografischer und sozialer Spurensuche ausdrückt. Du hast dieses Land architektonisch analysiert, geliebt, texturiert und im tiefsten Sinne in Baukultur verwandelt.
Lieber Bruno, ich bin dankbar für unsere offenen, vertiefenden Gespräche, in denen wir im Geiste unseres dialogischen, lernenden Ateliers philosophiert, mit den Augen des Herzens geschaut und uns gegenseitig entwerferische Klarheit geschenkt haben.
Ich erinnere mich gerne an deinen scharfen Verstand, deinen feinen Humor und die Loyalität, die unsere Projektpartnerschaften getragen haben.
Nun hat des Lebens Ruf für dich einen neuen Anfang gefunden. Getragen von deiner dir eigenen baukünstlerischen Leichtigkeit und im Vertrauen auf das große Ganze, möchte ich uns im Geiste von Hermann Hesse einladen:
„Es darf das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben...“
Wohl an mein Herz, nimm Abschied und gesunde.
Alles Gute, lieber Bruno. Frei und mit Dankbarkeit dürfen wir von Raum zu Raum weitergehen. Danke für diese unvergleichliche, schöpferische und inspirierende Wegstrecke.
Nachruf auf Bruno Spagolla
Otto Kapfinger
Bruno Spagolla verkörperte in der so virulenten Szene der Vorarlberger Baukunst der letzten fünf Jahrzehnte eine sehr profilierte Haltung, eine eigenständige Persönlichkeit. Aus meiner Sicht war es vor allem eines, das ihn von seinen wunderbaren Kollegen und Mitstreitern von Anfang an unterschied - und deshalb besonders wertvoll machte: während (fast) alle anderen die Gebäude als autonome, nüchterne Gerüste konzipierten, als strikt werkzeughafte Entitäten oder Problemstellungen auffassten, war für Bruno das Bauen primär die Schaffung des räumlichen, jeweils präzise ortsbezogenen Ereignisses; das Konstruktive, das Ökonomische war bei ihm immer nachgeordnet dem Anspruch, aus den jeweiligen Besonderheiten der Lage, der Topografie, der Verläufe von Licht und Schatten, von Sicht- und Wegbeziehungen des Programms am jeweiligen Platz die einzigartige, die maßgeschneiderte raumaktive Baugestalt zu kreieren. Und aus dieser Position heraus scheute er sich nicht, da und dort auch immer wieder konstruktive Kritik an den mitunter allzu „einfach“ gestrickten, raschen Lösungen seiner Kollegen zu äußern - stets aber mit höchst nobler, maßvoller Wortwahl, und oft gemixt und leichter verdaulich gemacht mit ironischen, ja selbstironisch eingekleideten Formulierungen.
Bruno war eben kein Pragmatiker sondern eher ein sozial getrimmter Romantiker - soweit dies die ja auch ihm tief eingefleischten Gene alemannischer Vernünftigkeit nur erlaubten. Vielleicht begründete sich diese Haltung aus der Wiener Studienzeit an der Wiener Akademie im Kreis der um 1970 so revolutionslüsteren Rainer- und Plischke-Meisterklassen. Als ich vor einigen Jahren aufgefordert wurde, für den allzu früh verstorbenen Dietmar Steiner einen Nachruf zu schreiben, suchte ich auch das Gespräch mit Bruno, um ihre gemeinsamen Anfänge am Schillerplatz in der um 1970 aufbrechenden Selbstermächtigung der Studierenden zu rekapitulieren. Es war im Mai 2020, und es war unser letzter Telefonkontakt, und Bruno erinnerte sich: "Wir waren damals 1973 zu einem Studenten-Kongress der ETH Zürich eingeladen, wo es ebenfalls ganz radikale Umbrüche gab, und wir hatten dort erste Kontakte zu Eraldo Consolascio, Marie-Claude Betrix, Bruno Reichlin, Michael Alder und zu Lucius Burckhardt. Wir entdeckten da aus erster Hand das Wirken der "Tendenza" im Tessin und die Anfänge der neuen Szene Basel-Zürich als Folge der ETH-Gastprofessur von Aldo Rossi. Wir sahen, dass es möglich und produktiv war, die Kritik am sozialen und politischen Status quo mit avancierter architektonischer Praxis zu verbinden." Bruno übernahm damals eine wichtige Rolle in der ÖH-Fachschaft an der Akademie und betrieb mit Steiner unter anderem vehement die Neuschaffung eines Instituts für Theorie und Geschichte der Architektur. Es mögen dann auch andere Faktoren mitgewirkt haben für die Entfaltung seines in der Ländle-Szene doch immer eigenwilligen, auf produktive Distanz bedachten Profils. Ganz typisch dazu nur ein ephemeres Moment: Im Jahr 1981 unternahm die Österreichische Gesellschaft für Architektur mit ihrem ab 1977 radikal verjüngten Kern eine erste, mehrtägige und legendäre Exkursion nach Vorarlberg, - es war auch für mich die erste Begegnung mit vielen großartigen Akteuren und erstaunlichen Bauten. Es hatte sich herumgesprochen, dass auch Spagolla schon ein paar Sachen realisiert hatte. Doch von ihm kam dazu keine genauere Information, er tauchte an diesen Tagen auch nicht auf. Es enstand aber das Gerücht, ob von Roland Gnaiger, von Hans Purin oder Rudolf Wäger kann ich nicht mehr sagen, dass Bruno unsere Busfahrten hin und wieder mit seinem Auto auf Abstand verfolgt hätte. Er wollte seine ersten Sachen im Rahmen dieser „tour d´horizon“ offenbar noch nicht zeigen; es war ihm zu früh, zu nahe, zu heikel, sich mit seinen Anfängen der womöglich vordergründigen Kritik der angereisten Groß- und Hauptstädter auszusetzen.
Bei meinen später so intensiven, zahlreichen und höchst inspirierenden, ja fordernden Reisen zur Reflexion und Propagierung des avancierten Bauschaffens in Rheintal und Bregenzerwald waren mir die Begegnungen mit Brunos Werk und Persönlichkeit stets besonders kostbare und wichtige, maßstabbildende Erlebnisse. Unvergessen dabei etwa eine Fahrt als Passagier in seinem Auto von Bludenz entlang der Nordflanke des Walsertales hinauf bis über Raggal, Marul und Faschina und auf der anderen Talseite zurück wieder hinunter über Blons und Thüringerberg. Natürlich sahen wir da etliche seiner exzellenten Bauten in dieser eindrücklichen Landschaft, in ihrem Kontext. Aber genauso stark, ja fast vitaler noch blieb mir im Gedächtnis: Alle paar hundert Meter, wenn jemand im Auto auf dieser schmalen Straße uns entgegenkam oder auch zu Fuß, blieb er stehen - das Fenster ging auf, und es begann eine Unterhaltung mit dem ebenfalls stehengebliebenen Gegenüber, - eine jeweils freundlichst bewegte Rede und lebhaft „zwitschernde" Gegenrede in einer Sprache, die ich nicht verstand, deren exotische Melodik, deren empathisch sprudelnde Dynamik mir aber vokal- und zischlautreich als Brunos walsertalerische Visitkarte und emotionale „Beheimatung“ seither nicht mehr aus dem Kopf geht.
In all seiner feinsinnigen, kritischen und auch selbstkritischen Sprödheit und seiner profunden, raumgestalterischen Meisterschaft hat mir Bruno Spagolla Wesentliches und Unvergessliches auf meinem fachlichen und sonstigen Lebensweg mitgegeben. Ich danke dafür von Herzen!
