URBANITÄT & ästhetik 5
Bauch und Stein
FilmvorführungDienstag, 27. April 2004 | 19.00 Uhr
Nahrung vom Reißbrett
Die Geschichte der Mechanisierung wurde vom Protagonisten der Moderne Sigfried Giedion im Buch: „Die Herrschaft der Mechanisierung“ (1948) dargestellt. Der Universalgelehrte Giedion wollte mit seinen Thesen darlegen, was geschieht, wenn die industrielle Produktion von der intimsten Sphäre des Menschen Besitz ergreift. Er ging der Frage nach, was es für die menschliche Evolution bedeutet, wenn kapitalistisches Profitdenken und die industrielle Produktion die organische und biologische Substanz des Menschen beherrschen, wenn sie Landwirtschaft, Fisch- und Viehzucht mechanisieren und damit den Charakter des Brotes, des Fleisches und der Milch völlig verändern.
Die Filmreihe will Giedions Fragestellung fortführen und zu einer Auseinandersetzung mit den Lebensfragen der modernen Zivilisation vertiefen.
Impulsreferat Helmut Weihsmann
Bäuerliches Brotbacken
Regie: Hermann Jamek. Österreich. 1965. 8 min. SW. stumm. 16 mm.
In einer Weißbäckerei
Regie: Hannes Schmid. Österreich. ca. 1959. 7 min. SW. DF. 16 mm.
Werdegang des Brotes – Die Anker Brotfabrik
Österreichischer Werbefilm. 1964. 12 min. SW. DF. 16 mm.
Milch und Brot
Regie: Johann Sklenka. Österreich. 1964. 32 min. SW. DF. 16 mm.
Aus unserer Milchwirtschaft: Der Tiroler Milchhof
Regie: Alfred Benesch. Österreich. vor 1970. 7 min. SW. DF. 16 mm.
Tomato Production in California
Regie: Axel Engstfeld. BRD. 1990. 16 min. Farbe. DF. 16 mm.
Fleisch und Wurst woher kommen sie?
Regie: Alfred M. Anders. BRD. 1983. 17 min. Farbe. DF. 16 mm.
Beef Production in Colorado
Regie: Axel Engstfeld. BRD. 1990. 16 min. Farbe. DF. 16 mm.
Milch, Butter, Brot, Wurst, Tomaten, Most und Bier
werden nach der Vorstellung serviert.
Mittwoch, 28. April 2004 | 19.30 Uhr
Lager & Märkte – Vom Bauch der Stadt
Der Markt ist nicht nur das Zentrum einer jeden Stadt, sondern er ist der Ursprung der Stadt. Urbanität ohne Handel und Austausch von Waren gibt es nicht, denn Märkte sind der Bauch und das Leben der Stadt. Um die Bekanntschaft mit einer x-beliebigen Stadt zu machen, sollte man sich vorerst ihre Straßenmärkte und verborgenen Markthallen ansehen und in der Folge die Menschen in den übel riechenden Eingeweiden der Stadt beobachten. Jeder Feinschmecker oder kenntnisreiche Einkäufer zieht nach wie vor den schmutzigen und billigeren Straßenmarkt der klimati-sierten Leichenhalle eines Supermarktes oder einer sterilen Shopping Mall vor. Das schönste und erlebnisreichste Einkaufen erlebt man letztlich nur auf dem traditionellen Markt, denn hier ist das Gemeinschaftsleben am vitalsten. Die heischenden und laut schreienden VerkäuferInnen stören einen nicht im geringsten, im Gegenteil, sie gehören zum Ambiente des urbanen Lebens in der Großstadt. Hier findet Mann, Frau und Kind noch das mittelalterliche öffentliche Ankündigungssystem, das sich der kommerziellen Mechanisierung, Etikettierung und Produktwerbung entzieht. Wenn man an ein farbenfrohes Straßenleben denkt, so kommen einem zwangsläufig die orientalischen Märkte in den Sinn. Die Sammelbezeichnung für jede Art von orientalischem Straßenmarkt, von Marokko bis Persien, ist Bazar, das persische Wort für den arabischen Suq oder Souk, eine überdeckte (Haus-) Passage mit Läden, Cafés, Moscheen, Restaurants und Gastherbergen. Sowohl die Marktbuden des Bazars als auch die Marktstände auf den traditionellen Marktplätzen mögen den Kunden von Supermärkten im Vergleich primitiv erscheinen, weil weder ihre Ware noch ihre bauliche Erscheinung ästhestisch „verpackt“ und reglementiert sind.
Der Markt Filmlexikon der Wirtschaft
Schulfilm der Bundeswirtschaftskammer. 1965. 8 min. Farbe. DF. 16 mm.
Der Bazar von Isfahan [Iran]
Regie: Herbert Lander. BRD. 1978. 18 min. Farbe. DF. 16 mm.
Markt in Berlin [Markt am Wittenbergplatz]
Regie: Wilfried Basse. Deutschland. 1928. 17 min. SW. 35 mm. stumm.
Every Day Except Christmas [Convent Garden Market]
Regie: Karel Reisz & Lindsay Anderson. GB. 1955. 37 min. SW. OF. 16 mm.
Wie Mütter einkaufen ADEG Supermarkt
Einkaufswerbefilm. Österreich. ca. 1964. 5 min. Farbe. DF. 16 mm.
Gotham Garden [Slumgärten in Manhattan]
Regie: Brian Segel. USA. 1985. 12 min. Farbe. OF. 16 mm.
Einkaufstaschen mit genüsslichen Überraschungen
darin werden vor der Vorstellung serviert..
Donnerstag, 29. April 2004 | 19.30 Uhr |
Wasting & Tasting
Die Abfallgesellschaft. – Seit es Menschen gibt, gibt es auch Abfälle. Immer mehr und immer gefährlicherer Müll entsteht, wobei es zwei Arten von Müll gibt: Entweder gibt es die Tendenz zur obsessiven Ansammlung aus einem krankhaften Widerstreben des Wegwerfens, oder die rücksichts- wie auch achtlose Abfallbeseitigung und Vernichtung der verrotteten Waren, wovon ein wichtiger Zweig der Wirtschaft profitiert. In diesem ambivalenten Zwischenraum des Warenkreislaufes und biologischen Müll-Systems, zwischen Anschaffung, Verbrauch und Wegwerfen, spielt sich eigentlich das große Dilemma der gesamten menschlichen Zivilisation ab. Durch die Geschichte hindurch war dieses problematische Verhältnis von Mensch und Natur eine recht verträgliche Liaison. Noch sehr umständlich und mühselig hat man die Nahrungs- und Küchenreste aus den ersten Siedlungen hinausgeschafft, aber als die ersten Städte gebaut wurden, gab es schon eine Reihe von technischen Maßnahmen und hygienischen Neuerungen, um den Massenmüll wegzuschaffen. Die Geschichte und Entwicklung der Stadt lässt sich ebenso unter sanitären Maßnahmen deuten und erklären als auch unter den Gesichtspunkten des Abfalls betrachten. Scheinbar banale Fragen wie bzw. warum wurden Gassen gepflastert und warum wurden Abwässerkanäle errichtet sind kulturhistorische Implikationen einer urbanen Stadtkultur.
Les glaneurs et la glaneuse [Der Sammler und die Sammlerin]
Regie: Agnès Varda. Frankreich. 2000. 82 min. Farbe. OmU. 35 mm.
Der Müll, die Stadt und ein besonderer „Aufklärungsfilm“, der den Zusammenhang von Konsumation und Abfall intelligent und witzig reflektiert, ist der phantasievolle und leichtfüßige Versuch, über den Abfall im Endstand der Produktions- und Konsumkette zu philosophieren. Die weltbekannte Filmemacherin Agnès Varda reist mit einer tragbaren digi-talen Handkamera durch Frankreich und verbindet ihre Impressionen mit den Lebensbedingungen von am Rande der Konsumgesellschaft lebenden Existenzen, ohne dabei schwermütig zu werden. Etwas altersweise geworden, sinniert die Grande Dame der ehemals jungen Gruppe der „Nouvelle vague“ einerseits über den physischen Verfall der stofflichen Welt einschließlich ihres eigenen Körpers und stellt (Vor-) Betrachtungen auf ihren eigenen Tod an, aber anderseits macht sie sich originelle Gedanken über den unausweichlichen Ver- und Abfall innerhalb der Konsumgesellschaft. In Tagebuchform filmt sie denkwürdige Situationen und merkwürdige Menschen, die entweder aus reiner Not oder purer Leidenschaft oder bloß zwanghaft Dinge sammeln und aufheben, (wieder-) verwerten und verkaufen, die von einer verschwenderischen und kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung achtlos weggeworfen wurden.
Küchenabfälle werden in dieser Vorstellung
zubereitet und am Buffet serviert.
DF Deutsche Fassung
OF Originalfassung
OmU Originalfassung mit deutschen Untertiteln
