URBANITÄT & ästhetik 6
Lichter der Peripherie
FilmvorführungURBANITÄT & ästhetik [6] :
Lichter der Peripherie
1. | 2. | 3. März 2005
jeweils 19.00 Uhr
Moviemento/Studio
Dametzstraße 30, 4020 Linz
mit Einführungen von Helmut Weihsmann
architekturforum oberösterreich
in Zusammenarbeit mit dem
Programmkino Moviemento
Dametzstraße 30, 4020 Linz
Kartenverkauf:
Tel: (0732) 78 40 90 50
Fax: (0732) 78 40 90 40
http://www.moviemento.at
Dienstag, 1. März 2005 | 19.00 Uhr | Moviemento | Studio
Zwischenstadt – Leerstellen – Un-Orte [91 min.]
Was erst aus gehöriger Distanz, einem radikalen Perspektivenwechsel oder nach längerer Abwesenheit von der eigenen Umgebung mitunter geschieht, ist, dass man auf scheinbar Altbekanntes stößt und es mit anderen Augen wahrnimmt, es mit frischerem Blick betrachtet. Der Ausnahmefall wird somit zur Wahr-Nehmungs-Chance. Der transitorische Charakter solcher sogenannter „Un-Orte“ (© Marc Auge), die weder expliziten Charakter noch urbane Zeichenhaftigkeit besitzen, machen es möglich, sie als soziale, geschichtliche und allegorische Stadträume wahrzunehmen, in denen sich die Spuren der Erinnerungen, Dogmen und Utopien ablesen lassen.
São Paulo
Regie: Peter Sandbichler|Hissa de Urkiola. Österr./Brasilien. 1999. 36 min. Farbe.
Die gewählte Methode einer ausschließlich „künstlerischen“ Reportage und der damit verbundene ästhetisch abstrahierende (Kamera-) Blick auf den verfilmten Stadtplan sind eigenartig unterkühlt, wodurch nicht allein die sozialen Spannungen vor Ort geschickt ausgeblendet wurden. Ebenso wurden die städtebaulichen Kontraste zwischen den Nobelvierteln der Reichen und den Favelas der Armen und die maßstäblichen Unterschiede in der chaotisch gewachsenen Stadtstruktur ignoriert. Wie ein arrangiertes Tableaux eines imaginären und surrealistisch angehauchten Tagtraumes dreht sich das Getriebe der Stadt ohne Leerlauf wie ein schwindelerregendes Karussell.
Sunset Boulevard
Regie: Thomas Korschil. Österreich. 1991. 8 min. Farbe. 16 mm. stumm.
Der Film ist eher zufällig nach der berühmtesten Straße Hollywoods benannt.
„Mein Film ist gewissermaßen der Versuch, die beiden großen gegensätzlichen Mythen des Amerikanismus, den Mythos des unbegrenzten Individualismus und den Mythos des ,Melting Pots‘, des Schmelztiegels aller Ethnien auf einmal zu verbildlichen. Die verschiedenartigsten Menschen sind, zumeist alleine, alle gleich, in ihren Autos, die auch an verwandte Schachtelbehältnisse wie Häuser, Büros, Fabriken u. ä. erinnern, gefangen.“ (Thomas Korschil)
Spring
Regie: Thomas Korschil. Österreich. 1991. 3 min. Farbe. 16 mm. stumm.
Mit den Augen die Welt und damit den Geist bewegen. Spring ein gedanklicher Purzelbaum im Sinne von Walter Benjamin. Ein Dokument eines bestimmten Ortes, ein Charakterbild einer Stadt; Sonne und Wolken fahren den Hügel hinunter ins Meer etc.
[Calcutta] GO
Regie: Hans Scheugl. Österreich. 1993. 9 min. Farbe. 16 mm.
Hans Scheugl ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Chronist, Aktivist, Theoretiker des nationalen und internationalen Avantgardefilms und Autor zahlreicher Fachbücher. Sein Essayfilm erzählt von einer Stadt im Übergang. „Ein Inder, wenn er geht, bleibt nie stehen. Ein Hindernis zwingt ihn nur, eine neue Richtung einzuschlagen. Das Gehen ist genauso wie der Fluss des Lebens, so hässlich es auch sein mag. Calcutta, einst eine der schönsten Städte der Welt, ist jetzt eine der traurigsten und ärmsten Städte. (Hans Scheugl)
Knittelfeld - Stadt ohne Geschichte
Regie: Gerhard Friedl. Österreich. 1997. 35 min. Farbe. 16 mm.
Der steirische Industrieort ist spätestens seit den Ereignissen die zur Spaltung der FPÖ führten nicht nur unter politischen Beobachtern national bekannt geworden. In das unauffällige Ambiente dieser Kleinstadt setzt Gerhard Friedl eine Ersatz-Geschichte ein, die sich von der Struktur her durchaus als amerikanische Seifenoper begreifen lässt. Mitglieder einer typischen österreichischen Familie, von der im Lauf des Films eine komplizierte Typologie entworfen wird, verüben Schandtaten verschiedenster Art.
Mittwoch, 2. März 2005 | 19.00 Uhr | Moviemento | Studio
City Walks [77 min.]
Die Stadt ist ein schier unerschöpfliches Thema, das die zeitgenössische Film-,
Foto- und Medien-KünstlerInnen begeistert. Die experimentiellen FilmemacherInnen lieben es gerade, ihre Stadt, ihre Straße und ihren Umraum zu zeigen bzw. zu hinterfragen. Die Absicht des Programms besteht darin, die Aufmerksamkeit auf jene urbanen Felder zu lenken, die sich nach chaotischen, soziowirtschaftlichen und individuellen Wünschen und Bedürfnissen entwickelt haben.
Der Mensch mit den modernen Nerven
Regie: Bady Minck | Stefan Stratil. Österreich. 1988. 8 min. SW. 35 mm.
„Eine Hochgeschwindigkeitsfahrt durch das Rückenmark von Adolf Loos“ (Peter Illetschko). Der Lebensreformer Adolf Loos (1870-1933), der zu Lebzeiten arg missverstandene Gesellschaftskritiker und Architekt, geht in Einzelbildaufnahmen mit Stützverband (weil er durch die Ignoranz der Gesellschaft in seiner Arbeit behindert war) zu seinem Schreibtisch und beginnt mit der Arbeit an einem visionären Projekt, einem Rathaus in Mexiko in Pyramidenform. Hier entwickelt sich der animatorische Teil durch Überblendungen und schnelle Kamerafahrten zur fulminanten Kinovision.
Jogging
Regie: Josef Dabernig. Österreich. 2000. 11 min. Farbe. 35 mm.
Eine Geisterfahrt durch das Niemandsland von geschichtslosen Autobahnlandschaften endet vor einem menschleeren Stadion von Renzo Piano in Bari (Apulien), das eher einem futuristischen Flugobjekt gleicht als einem Fußballstadion. Futuristischer Hyper-Realismus über jene asphaltierte „Zwischenstadt“, wo nur mehr herrenlose Hunde streunen. Der „gefühllose“ Soundtrack stammt von Olga Neuwirth.
Walk Two
Regie: Thomas Steiner. Österreich. 2000. 5 min. Farbe. 16 mm.
Bangelore ist keine Stadt der bestechenden Architektur, sondern der in alle Richtung wuchernden urbanen Strukturen. Das Rohmaterial ein durchgehender Take, Diaserien, Schwenks wurden später am Tricktisch animiert und mittels Mehrfachbelichtung ineinander verschränkt. (Thomas Steiner).
Duo City
Regie: Ulf Staeger. Österreich. 1992. 4 min. SW. 16 mm.
In diesem kurzen Animationsfilm eines ehemaligen Filmstudenten erlebt man einen simultanen Spaziergang durch das urbane Wien und durch Berlin. In einer wilden Bilder-Collage von gemalten und realen Szenen verdeutlicht Ulf Staeger sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede der beiden Städte in der visuellen Wahrnehmung.
Doppelgänger
Regie: Ulf Staeger. Österreich. 1998. 8 min. Farbe. 35 mm.
Alltagsszenen aus Berlin und Wien nebeneinander gereiht, ist der Inhalt des Kurzfilms. Verkehrsmittel und Menschen werden zu Schemen und Zeichen in einem einzigen urbanen Raum verschmolzen, in dem sich die räumliche und zeitliche Trennung beider Metropolen verwischt.
Hwa-Shan-District, Taipei
Regie: Bernhard Schreiner. Österreich/BRD. 2001. 13 min. Farbe. 16 mm.
Das filmische Portrait des Bezirks, im Zentrum von Taipei gelegen, entstand anläßlich eines mehrwöchigen Aufenthalts von Schreiner in Taipei, wo er 1999 am internationalen Workshop „Urban Flashes“ teilnahm. Dieser Vorort birgt ein grosses Gelände voller stillgelegter Industrieanlagen (Brauereigebäude, Bahngelände, U-Bahn-Tunnel usw.). Diese Ruinenlandschaft und die umliegende Infrastruktur bilden den Gegenstand einer typologischen sowie medienästhetischen Auseinandersetzung mit dem Ort.
manga train
Regie: Manfred Neuwirth. Österreich. 1998. 20 min. Farbe. 35 mm.
Der Film ist ein „persönliches filmisches Album zum Durchblättern [...] meine Assoziationen zu Japan“, sagt der Videokünstler Manfred Neuwirth über seine Dokumentation über das urbane Japan. Bilder und Töne, gesehen und gehört in einer fremden Umgebung und einer chaotischen Umwelt, in Tokyo, Osaka, Hakodate und Kyoto, aufgenommen in lautlosen Zügen und verregneten Gärten, auf der neon-beleuchteten Hauptstrasse und bei Ritualen der Tempelbrüder. Soundtrack von Dietmar Schipek.
Zielpunkte der Stadt
Regie: Jörn Staeger. BRD. 2004. 8 min. Farbe. 35 mm.
Seit Kevin Lynchs wegweisendem Buch „Das Bild der Stadt“ (1965) weiß man, dass man die Stadt sowohl als Zeichensystem entziffern und lesen kann, aber wichtiger: als einen Raum, der die Menschen in ihrem sozialen Verhalten beeinflusst und maßregelt. Die Arbeit der Gebrüder Jörn und Ulf Staeger versucht mittels Dokumentar- und Trickfilm-Methoden eine Kartographie eines urbanen Territoriums bzw. eine allgemein gültige Topographie der Großstadt zu entwerfen.
Donnerstag, 3. März 2005 | 19.00 Uhr | Moviemento | Studio
Nah-Aufnahme – Lokale Ortsvermessung [77 min.]
Das diesjährige Schlussprogramm widmet sich dem Verhältniss von Kinematographie und Stadtbild durch Vermessungen mit der Kamera eine ungewöhnliche Begehung von Wiens Randzonen und seiner mitunter versteckten und geheimenen Orte und Nicht-Orte. Drei Photographen stellen jeweils eine Filmkamera an verschiedenen Wiener Örtlichkeiten auf und lassen diese sieben Szenen vielleicht zu den sieben Tagen der Woche werden.
Wien – Sieben Szenen
Regie: Rainer Frimmel | Michael Gartner | Joachim Hilbrand. Österreich. 1998. 77 min. Farbe. 16 mm.
WIEN. Trostlose Außenbezirke, Randzonen, Niemandsland. Graue Wintertage. Mit diesen Parametern im Handgepäck und einem klaren dokumentarischen Konzept im Kopf hat sich das Kollektiv von drei jungen Photographen im Winter 1997/98 auf filmische Spurensuche an die Peripherie von Wien begeben. Wie der Titel andeutet, ist der Film in sieben Stadtansichten bzw. starren Einstellungen von leeren Parkplätzen, Gürtelstraßen, Imbissbuden (McDonalds Drive-Ins), Brandtwein-Stuben, leeren Tribünen am Trabrennplatz im Wiener Prater und vom Christkindlmarkt in Floridsdorf gegliedert. Die fixen Kameraeinstellungen zeigen Ausschnitte einer urbanen und mitunter sozio-topographischen Peripherie, Fragmente scheinbar toter Winkel, denen vor allem das kluge Wechselspiel von Kamera- und Mikrophonstandpunkt filmische Lebendigkeit verleiht. „Wien Sieben Szenen ist ein dokumentarischer Winterkatalog, die Kollektion von erlesener Tristesse; ein Verzeichnis ausgewählter Un-Orte und irritierender Alltäglichkeiten, deren Tonfall zum Hinschauen und Mithören animierte, wäre da nicht das sonntägliche Quiz von Ö3, welches in der letzten Szene den Gefrierpunkt österreichischer Wirklichkeit markiert.“ (Johannes Rosenberger)
Filmtexte: Helmut Weihsmann © 2005
