URBANITÄT & ästhetik 8: Dynamik der Großstadt
Werkschau László Moholy-Nagy [95 min.]Moviemento/Studio
FilmvorführungDer gebürtige Ungar Moholy-Nagy (1895 –1946) beeinflusste durch die dynamische Vermittlung seiner Lehre, die den visuellen Charakter und Material-Aspekte der Gestaltung betonte, die Entwicklung des Bauhauses zu einer modernen, industriebestimmten Formensprache.
Er selbst hat immer wieder auf die Rolle der Intuition bei der Gestaltung hingewiesen und betont, bewußte Analyse sei nur ein Teil des Schaffensprozesses, die intuitive Schwungkraft dürfe nicht fehlen. Formeln allein konnten für ihn nie die Basis des schöpferischen Prozesses sein. Relativ unbekannt ist sein Schaffen als Regisseur. Er drehte einige Essayfilme, aber auch den Dokumentarfilm Lobsters. Die Titel seiner Filme sind Lichtspiel Schwarz Weiss Grau (1931/32), Marseille Vieux Port (1932), Berliner Stilleben (1932), und Grossstadtzigeuner (1932/33). Vor allem in den drei letzteren schafft es Moholy-Nagy, die Stimmung einzufangen und quasi die Musik visuell darzustellen. Durch eine klare Dramaturgie und für die Zeit relativ ungewöhnlich schnelle Schnitte und wechselnde Einstellungen lässt er beispielsweise die Feier der Zigeuner höchst spontan und lebendig erscheinen. Das filmische Schaffen von Moholy-Nagy ist von relativ kurzer Dauer, aber von großer Intensität im Umgang mit den neuen apparativen sowie experimentellen Möglichkeiten des Mediums Film gekennzeichnet. Sie fällt in jener hochbrisanten Zeitspanne des politischen Umbruches in Deutschland und seiner Flucht nach Holland bzw. die Exiljahre in England bis zur Emigration nach Amerika, wo er in Chicago das „New Bauhaus“ gründete. – Anlässlich seines 60. Todestages zeigen wir eine Retrospektive seiner Filmwerke. Wir haben uns bemüht alle heute noch verfügbaren Leihkopien für diesen Filmblock zusammen zutragen und können sie nun in einer einzigen, komprimierten Vorstellung erstmals in Österreich zeigen.
Programm:
lichtspiel schwarz-weiß-grau (1931/32) 6 min. stumm. 35 mm. In seinem Bauhaus-Buch „MalereiFotographieFilm“ hatte Moholy-Nagy festgestellt, dass sich unsere Zeit hin zur Farblosigkeit und zum Grau verschoben habe, “dem Grau der Großstädte, der schwarz-weißen Zeitungen, des Foto- und Filmdienstes, dem farbenaufhebenden Tempo unseres heutigen Lebens.
marseille vieux port [Impressionen vom alten Marseiller Hafen] (1932). 9 min. 16 mm. Der Versuch eines realistisches Porträts des alten Hafenviertels von Marseille, welches damals zu den verrufensten Vierteln der Stadt gehörte. Stille Beobachtungen an den Quais, das schmutzige Hafenbecken, die engen, abschüssigen und verdreckten Strassen der Altstadt, die riesige Schwebefähre, die er mit Kamerafahrten und rasanten Schwenks dynamisiert. Aber auch die Menschen der Hafenstadt sind ihm wichtig.
berliner stilleben (1932) 9 min. stumm. 16 mm. Sowohl eine anklagende Sozialreportage über die tristen Arbeiterviertel von Berlin, als auch eine formal-avantgardistische Auseinandersetzung mit der filmischen Wahrnehmung im Kontext der Neuen Sachlichkeit, der die versteinerte Großstadt Berlin minutiös in kleinen, unprätentiösen „Stilleben“ festhält und auffächert.
großstadtzigeuner (1932/33) 11 min. stumm. 16 mm. Eine gemeinsam mit seiner späteren Frau Sibylle Pietzsch und dem Volkskundler Hellmuth Brandis gemachte Sozialreportage über die erbärmlichen Lebens- und Wohnwelten der Roma am Rande von Berlin.
CIAM-Kongress für Neues Bauen (1933) 29 min. stumm. 16 mm.
Der während einer dreiwöchigen Kreuzfahrt auf dem Fährschiff „SS Patris II“ anläßlich des IV. Congrés Internationaux d‘Architecture Moderne (CIAM) von Marseille nach Athen unter unzulänglichen filmischen Produktionsbedingungen gedrehte Dokumentar- bzw. Essayfilm ging auf die Anregung der beiden Mentoren des städtebaulichen Kongresses, Le Corbusier und Sigfried Giedion, zurück
life of the lobster [Das Leben eines Krebes] (1936) 16 min. stumm. 16 mm. Der seltsamste Film im ohnehin divergierenden Oeuvre von Moholy-Nagy war ein Auftragswerk in Zusammenarbeit mit John Mathias und ist dem Genre eines typisch deutschen „Kulturfilms“ zuzuordnen. Das Leben der Krebse filmte er teils im Aquarium und teils auf offener See, das Fischen und Fangen der Meerestiere selbst an Bord eines Schiffes.
new architecture at the london zoo (1936/37) 15 min. stumm. 16 mm. Der stumm gedrehte Filmbericht über die modernen Einrichtungen (1934-36) der Gruppe TECTON um Berthold Lubetkin im Tiergarten von London zeigt die Gehege der Gorillas, der Elephanten, Giraffen, Raubvögeln in Whipsnade und das Northgate-Kioskgebäude sowie den weltberühmten penguin pond.
Filmauswahl und Filmtexte: Helmut Weihsmann © 2006
